Design und Wissenschaft – passt das zusammen?

Design… ist doch eigentlich praktisch, beschäftigt sich mit dem hier und jetzt, ist ein Luxus….
Wissenschaft… ist doch eigentlich theoretisch, langweilig, kompliziert…
Genug der Klischees!

Design und Wissenschaft passen sehr gut zusammen! Aber warum?
Beginnen wir mit mit zwei Beispielen:

Pruitt-Igoe

Pruitt-Igoe stellt ein Modellprojekt für sozialen Wohnungsbau in St. Louis/USA dar. 1954 werden die 33 elfgeschössigen Hochhäuser feierlich eingeweiht. Die Zeitschrift Architectural Forum lobt damals die raumsparende Gestaltung. Der Siedlungkomplex wird in der Branche als „Wohnen der Zukunft“ bezeichnet. Als Planungziel gelten Sauberkeit, Ruhe und Ordnung. 1970 sind jedoch nur noch 6 der 33 Hochhäuser bewohnt. Am 16. März 1972 wird Pruitt-Igoe gesprengt.

Hochhauskomplex - Bauruine

Hochhauskomplex – Bauruine
Foto: © Gnubier

Was war passiert? Warum funktionierte das sorgfältig geplante Konzept nicht?

Weissenhofsiedlung Stuttgart

Die 63 Wohnungen der Weißenhof Siedlung, die von 17 Stararchitekten für die Ausstellung „Die Wohnung“ des deutschen Werkbunds 1927 geplant und umgesetzt wurden, experimentierten mit neuartigen Grundrissen, um den Wohnraum zu rationalisieren und jeden Quadratmeter, auch unter Beachtung neuester medizinischer und hygienetechnischer Erkenntnisse, zu maximalem Nutzen zu führen.
Nicht zu unterschätzen war neben der architektonischen Bedeutsamkeit der 21 Häuser die Ausstattung der Innenräume, die dem „Neuen Bauen“ das „Neue Wohnen“ zur Seite stellte.

Das öffentliche Interesse an der Schau war enorm. So kamen mehr als 500.000 Besucher als aller Welt, um sich die Ausstellung anzusehen.
Aber: Anschließend wurde nicht eine einzige Wohnung so bewohnt, wie die Avantgarde sie geplant hatte.
Auch hier fragt man sich wieder: was war passiert?

In beiden Fällen ist ein wichtiger Aspekt außer Acht gelassen worden: der Mensch!

Bei allem Bemühen um ein optimales Ergebnis bezogen auf Funktionalität, fehlten wichtige Kenntnisse von denen, die es betraf. Die Menschen, die dort untergebracht werden sollten, wurden mit ihren Bedürfnissen und ihren Wünschen, die nicht nur die untersten zwei Level der Maslow‘schen Bedürfnispyramide betreffen, vergessen. Funktionalität zur Deckung der Grundbedürfnisse genügt eben nicht, wie man hier sieht:

Bedürfnispyramide nach Maslow

Bedürfnispyramide nach Maslow
Grafik: © Celia Günther

Beide Architekturen sollten, dem Gedanken der Rationalisierung folgend, Lösungen für drängende soziale Probleme bieten. Wohnraum sollte günstig, funktional und auf das Nötigste reduziert sein.

In Pruitt-Igoe häuften sich die Probleme. Gewalt und Vandalismus nahmen zu. Der Hochhauskomplex wurde zu einem Ort der Angst und der Zerstörung (vgl. Broken-Windows-Theorie).

In die Neubauten der Weißenhofsiedlung zogen nach Ende der Ausstellung Hochschulprofessoren, ein Künstler, und sogar eine Opernsängerin war unter den neuen Mietern. Keine einzige Wohnung wurde, wie ursprünglich geplant, an einfache Arbeiter vermietet. Für sie war das damalige Wohnkonzept zu radikal.

Design & Wissenschaft – ein gutes Paar

Damit soetwas nicht noch einmal passiert, muss der Hauptakteur im Mittelpunkt des Entwurfs- und Umsetzungsprozesses stehen – der Mensch; und damit zugleich seine Beziehung zum Raum. Nur so kann gewährleistet werden, dass ein Prozess der Akzeptanz, der Identifikation mit dem Raum und der Aneignung desselben stattfindet.

Die sogenannten Humanwissenschaften des Raumes fokussieren genau diese Mensch-Raum-Beziehung und beleuchten sie aus verschiedenen Blickwinkeln und zu verschiedenen Fragestellungen. Hierzu gehört die wissenschaftliche Beschäftigung mit Aspekten der

  • Psychologie
  • Soziologie
  • Philosophie
  • Planungstheorie
  • Designtheorie
  • Ökologie

bezogen auf die Raumgestaltung, sowie die Wahrnehmung und das Verhalten des Menschen im Raum.

Man braucht also eine empirische Fundierung als Basis für den kreativen Prozess, um ein Ergebnis zu erhalten, das dem Anspruch eines Human Centered Design gerecht wird. Was Human Centered Design ist, das habe Ihr nocheinmal hier nachlesen.

Wie erlangen wir nun Kenntnis davon, was der Mensch braucht? Sicher, wir können uns diese Frage ersteinmal selbst stellen. Doch wenn wir für andere Menschen entwerfen, ist es wichtig, möglichst viel über ihre Bedürfnisse und ihre Wünsche zu wissen. Um dies in Erfahrung zu bringen, bedarf es eines genauen Blicks auf die Zielgruppe. Wer sind sie? Was macht sie aus? Welche Besonderheiten müssen berücksichtigt werden?

Das Ergebnis der Untersuchung kann ein Leitfaden sein, eine Allgemeingültigkeit wird jedoch nicht in Anspruch genommen, denn: Human Centered Design ist – wie bereits neulich ausführlicher erläutert – ein iterativer Prozess, der vom Feedback lebt.

Großstadt Träume - Nutzerbedürfnisse

Großstadt Träume – Nutzerbedürfnisse
Bild: © Bernd Kasper

Historisch gewachsen

Nun ist es nicht so, als hätte es diese Herangehensweise schon immer gegeben. Die Humanwissenschaften, so wie die Psychologie allgemein, gehören zu den neuen Wissenschaften, die sich erst zu Beginn des 19. Jhdts. herausbildeten. Durch empirische Forschung gelangte man zu neuem Wissen über den Menschen und begriff ihn als formbares Wesen. Heute mag uns das nicht wundern, doch zur damaligen Zeit galt als anerkannte Haltung, dass alles, was den Menschen beeinflusst, genetisch bedingt, also dispositionell ist. Den Umwelteinfluss als prägende Größe anzuerkennen, stellte eine gänzlich neue Denkweise dar.

Bis heute löst die Frage nach den umweltbedingten und den dispositionellen Eigenschaften spannende Diskussionen aus und stellt die Forschung nach wie vor vor Rätsel, so z.B. in der Zwillingsforschung.

Humanwissenschaften in der Raumgestaltung

Zum ersten Mal wird dieses Wissen in den 1920 Jahren in die Raumgestaltung übertragen, als Humanwissenschaften als Lehrgebiet im Bauhaus einzug fanden. Doch bereits 1933 fand ihr Verbreitung mit der Schließung des Bauhauses ein vorzeitiges Ende.

Für einen Neustart sorgte nach dem Krieg im Jahr 1953 die Gründung der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm), um das „Erbe des Bauhaus“ fortzuführen.

1968 fand die erste Design-Methods-Conference am MIT (Massachusetts Institute of Technology) statt.

1969 wurde die Environmental Design Research Association (EDRA) gegründet.

In den 1970er Jahre wird ein verstärkter Einfluss der Soziologie und Umweltpsychologie  spürbar. Zu ihren bekanntesten Vertretern in Deutschland zählen Lucius Burckhardt („Gutes Design ist unsichtbar“) sowie Horst Rittel. Hierzu demnächst mehr.

„Baukunst ist nicht
Gegenstand geistreicher Spekulation,
sie ist in Wahrheit nur als Lebensvorgang zu begreifen,
sie ist Ausdruck dafür, wie sich der Mensch gegenüber
der Umwelt behauptet und wie er sie zu meistern versteht.“
Ludwig Mies van der Rohe

Eine klare Entwicklung zur Einbeziehung der Humanwissenschaften in die Gestaltung hat stattgefunden. Man sieht also, wie wichtig das Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen ist, und wie gut Design und Wissenschaft zusammenpassen, um nicht zu sagen, wie sie sich gegenseitig bedingen. Das Design braucht die Wissenschaft als Basis, um dem kreativen Potential eine Richtung zu bieten. Die Wissenschaft wiederum braucht das Spielerische und Experimentelle des Designs, um zu neuen unerwarteten Ergebnissen und Ansätzen zu kommen.

………Alle sagten: „Das geht nicht.“
Dann kam einer,
der wusste das nicht und
hat’s einfach gemacht.

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